Vor einiger Zeit wurde ich von der Arbeiterkammer Wien eingeladen, mehr oder weniger umfangreiche Ratgeber zu verschiedensten Themen in Abstimmung mit den jeweiligen Abteilungen neu zu texten und strukturell zu verbessern. Nun liegen die ersten Ergebnisse auf dem Tisch.
Nach der persönlichen Beratung sind Informationsbroschüren wohl eine der wichtigsten Hilfestellungen der Arbeiterkammern für ihre Mitgliederinnen und Mitglieder. Sie decken verschiedenste Themengebiete ab. Vom Mietrecht über Elternschaft bis zum Konsumentenschutz. Die Kunst in der textlichen Überarbeitung der Broschüren besteht nun darin, diese teilweise sehr komplexen Themen im Rahmen eines vorgegebenen Publishing Manuals möglichst leicht verständlich und klar strukturiert aufzubereiten. Als Texter muss man sich dabei mehrere Fragen stellen.
Wie lesen die meisten Menschen heute?
Tatsächlich lesen viele Menschen oft nur dann, wenn es unbedingt sein muss. Leider muss ich sagen! Aber das nur so nebenbei. Darüber hinaus haben die sozialen Medien das Leseverhalten weitgehend unabhängig vom Bildungsniveau verändert. Hin zu noch weniger Bereitschaft sich mit längeren Texten auseinanderzusetzen und in Themen zu vertiefen. Stichwort: Scannen statt linear lesen. Die Konsequenz daraus: Auch bei Informationsbroschüren gilt mehr denn je der Grundsatz, „so kurz wie möglich, aber so ausführlich wie notwendig“ zu schreiben. Am besten in Alltagssprache, frei von Floskeln, ohne Fremdwörter und übersichtlich gegliedert. Andererseits darf man bei Ratgebern durchaus von einem hohen „Involvement “ der Zielgruppe ausgehen. Denn hier handelt es sich nicht um Konsumenten, die man ungefragt mit werblichen Informationen konfrontiert. Sondern um Betroffene mit aktuellem und sehr spezifischem Informationsbedarf. Umso dringlicher ist die Frage:
Wie schreibt man Kompliziertes leicht verständlich?
Wie bereits erwähnt, sind die Themen der AK-Broschüren oft komplex und sperrig. Sie verlangen vom Leser bzw. der Leserin große Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, ein gewisses Maß an Zeit zu investieren. Aber wie kann nun der Spagat zwischen verständlicher Sprache und richtigem Inhalt gelingen? Zum Beispiel so:
- kurze Sätze schreiben
- einfache Sätze ohne Einschübe
- nur ein Gedanke pro Satz
- mehr Zeitwörter statt Hauptwörter auf -ung, -heit und -keit verwenden.
- wichtige Informationen an den Satzanfang stellen bzw. dem Allgemeinen den Vorrang gegenüber dem Besonderen einräumen
Doch Verständlichkeit hat nicht nur mit dem Satzbau zu tun. Leser von Ratgebern wollen auch das Gefühl haben, in ihrer speziellen Situation verstanden zu werden. Stichwort: Empathisches Schreiben!
Wie kann ich empathisch schreiben?
Eine der großen Herausforderungen in der Kommunikation mithilfe eines geschriebenen Ratgebers ist das Ersetzen des beratenden Gegenübers. Tatsächlich lässt sich in einem persönlichen Gespräch die empathische Anteilnahme mit dem Betroffenen auf zwei Ebenen ausdrücken: mit Worten und der Körpersprache. Das funktioniert mit einer Broschüre klarerweise nicht. Denn das Fehlen eines menschlichen Gegenübers kann niemals kompensiert werden. Dennoch sollte man es versuchen. So etwa, indem man die Leserinnen und Leser im Text persönlich anspricht. Im Fall der AK-Broschüren natürlich mit „Sie.“ In vielen Fällen kann es auch das „Du“ sein. Umgekehrt empfiehlt es sich für den textlichen Beziehungsaufbau, mit den Lesern und Leserinnen mehr in der Wir-Form zu sprechen und weniger in der dritten Person. „Wir helfen Ihnen“ klingt einfach sympathischer und mitfühlender als „Die AK hilft Ihnen.“ Auch aktive statt passive Formulierungen sowie das Vermeiden von Partizipkonstruktionen machen es einfacher, Texte auch emotional zu erfassen. „Wir raten Ihnen“ wirkt allemal persönlicher als „es wird Ihnen geraten.“ „Wir bitten Sie, das zu berücksichtigen“ löst angenehmere Gefühle aus als „Das ist zu berücksichtigen.“ Letztlich sind Menschen auch eher bereit zu lesen und zu verstehen, wenn man so schreibt, wie man spricht. Mit eingebauten Fragen und Einwortsätzen zum Beispiel.
Wie kann ich mit meinem Text motivieren?
Menschen, die zu einem Ratgeber greifen sind nicht nur Leser, sondern vor allem auch Betroffene und Hilfesuchende. Manche befinden sich in durchaus prekären, psychisch belastenden Situationen. Man denke nur an Arbeitslosigkeit. Deshalb spielt die Tonalität des Textes eine wichtige Rolle. Vor allem, wenn es um die Aufforderung geht, etwas zu tun. Zum Beispiel Anträge stellen oder Fristen einhalten. Sie werden mir recht geben, dass „Bitte beachten Sie die Einreichfrist, damit Sie die Arbeitslosenunterstützung bekommen“ motivierender klingt als „Sie haben die Einreichfrist zu beachten“ oder „Um die Arbeitslosenunterstützung zu bekommen, müssen Sie …“ Zum Abschluss noch einige Bemerkungen zu einem Thema, das immer wieder sehr kontrovers diskutiert wird.
Gendern? – Ja oder ja!
Als Texter bin ich natürlich auch davon überzeugt, dass Sprache eine nicht zu unterschätzende Wirkmacht ausübt. Genügend Beispiele dafür finden Sie in der Werbung. Sprache schafft allerdings auch gesellschaftliches Bewusstsein. Sie kann diskriminieren aber auch aufwerten und prägt das Denken mit. Wer etwa für die Gleichbehandlung von Mann und Frau eintritt, sollte diese Gleichbehandlung auch auf sprachlicher Ebene praktizieren. Die deutsche Sprache macht es uns allerdings nicht so ganz leicht, für Männer und Frauen zu schreiben. Denn durch Hilfsmittel wie das Binnen-I, Schrägstrichformen oder der Passiv-Stil werden Texte oft sperrig, im Extremfall sogar unlesbar. Dennoch sollte man das gendergerechte Formulieren zumindest versuchen. Zum Beispiel mit der doppelten Paarform, wie ich sie in diesem Blogbeitrag gewählt habe. Oder mit neutralen Personenbezeichnungen wie etwa „Führungskräfte“ statt „Chefinnen.“
Wenn Sie nun das hier Geschriebene im konkreten Anwendungsfall nachlesen wollen, dann klicken Sie sich einfach zu einer meiner Ratgeber-Referenzen.


