„Was befähigt Sie, Texter unserer Kundenzeitung zu werden?“, fragte mich der Geschäftsführer mit einem mehrsagenden Lächeln. Ich: „Möglicherweise 15 Jahre Erfahrung?“ Mit diesem Argument begann eine wunderbare Zusammenarbeit mit einem Wiener Unternehmen aus der Lebensmittelindustrie. Sie endete, als Vladimir Putin Appetit auf die Ukraine entwickelte.
Wien ist groß und deshalb voller Überraschungen. So etwa, weil dort viele erfolgreiche Unternehmen am Werk sind, die kein Mensch kennt. Was ja möglicherweise daran liegt, dass diese Firmen etwas unternehmen, was vor Ort nicht wirklich von Interesse ist. Zum Beispiel Schlacht- und Fleischverarbeitungsanlagen in Russland, Kasachstan oder Turkmenistan zu bauen. Oder Gewürzmischungen und Funktionsstoffe zur Wurstproduktion nach Russland, Usbekistan, Abchasien oder in die Ukraine zu liefern. Aber solche Unternehmen existieren. Und das ist gut so. Die von allen so geliebte Wirtschaftskammer ehrt sie in regelmäßigen Abständen als sogenannte Hidden Champions. Ganz einfach deshalb, weil sie ihre Geschäfte im Verborgenen tätigen, obwohl sie gar nichts zu verbergen hätten. Womit wir bei der Kundenzeitung wären, die ich für einen dieser ausgezeichneten Champions texten durfte.
Kundenzeitung made vor Ort
Das Zustandekommen einer Kundenzeitung steht und fällt mit der Weitergabe von möglichst vielen Informationen an den Verfasser. Was aber, wenn sich die relevanten Datenträgerinnen und -träger im Unternehmen dafür keine Zeit nehmen. Nicht aus Unfreundlichkeit, sondern weil vor lauter Daily Business einfach keine Zeit da ist? Tatsächlich flossen die Informationen nicht nur reichlich zäh von Wien nach Bad Ischl, sondern auch äußerst unregelmäßig. Insofern war es eher ein Akt der Verzweiflung als eine wohlüberlegte Strategie des Entgegenkommens, mich für eine Woche direkt in das Zentrum des Geschehens hinein zu reklamieren. Sprich Anwesenheit vor Ort. Und tatsächlich stellte sich sehr schnell heraus, dass auch Verzweiflung eine Basis für brauchbare Lösungsansätze in Sachen Kundenzeitung sein kann. Denn meine Präsenz im Büro war in jeder Hinsicht die richtige Entscheidung. Für meinen Kunden, aber genauso auch für mich.
Plötzlich wieder unter Menschen
Denn plötzlich saß ich wieder wie zu meinen fest angestellten Agenturzeiten in einem Büro, wo Menschen waren. Ich hatte wieder so etwas wie Kollegen, die morgens mit privaten Sorgen in die Arbeit kamen und abends mit beruflichen nach Hause gingen. Kurz gesagt: Es menschelte wie ich es in meinem Home Office in der einsamen Bergwelt des Salzkammergutes nie erlebe. Doch nicht nur das. Auf meinem temporären Arbeitsplatz zwischen Stapeln von Auszeichnungsetiketten und Gewürzmischungskisten befand ich mich im Herzens eines Unternehmens, das von Wien aus den Pulsschlag der osteuropäischen und kaukasischen Fleisch- und Wurstproduktion mitbestimmte. Auf du und du mit der faszinierenden Lebensmitteltechnologie lernte ich Roh- und Brühwürste von einer ganz neuen Seite kennen. Plötzlich wusste ich, wie man Schinken dazu bringt, Wasser zurückzuhalten. Und wie man den Würsten einen gleichbleibenden Geschmack und eine konstante Konsistenz schenkt, auch wenn die Qualität der Rohstoffe variiert. Stichwort: Wirkstoffe aus tierischen Proteinen.
Neues aus der Transglutaminase-Welt
Darüber hinaus lernte ich Menschen kennen, die sich voller Enthusiasmus in multiplen Vorabsimulationen ergingen. Wie hoch muss die Dosis an Funktionsstoffen sein, um am Ende das gewünschte Ergebnis verwursten zu können? Darüber hinaus tauchte ich in finstere Klimakammern ein, wo Rohwürste ihren Geschmack profilieren und die Hühnchensalamis ihre Reifeprüfung machen. Letztlich gewann ich auch Einsicht in aufregende Welt der Transglutaminase, die Proteine in Wurstwaren quervernetzt und Fleisch auf höchst überraschende Weise strukturiert. Ja ich war sogar bereit, für drei Tage den Weg ins italienische Parma auf mich zu nehmen. Im kulinarischen Hotspot Italiens besuchte ich ein Unternehmen, das unter anderem Produkte herstellt, mit denen sich tolle Emulsionen aus Fett, Hühnerhaut und Mechanical Deboned Meat herstellen lassen.
Das Allerwichtigste aber war, dass ich bei meinen mehrwöchigen Besuchen in Wien viele nette Menschen kennengelernt habe. Experten ihres Faches, die mit allem rechneten und für alles gerüstet waren. Nur nicht für den Krieg Russlands gegen die Ukraine und die nachfolgenden Sanktionen. Wer sich jetzt noch für die vermutlich letzte Ausgabe der Kundenzeitung interessiert, kann sie hier nachlesen.
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