Reden und Vorträge können Kunstwerke sein. Sie müssen es aber nicht, solange sie ihren Zweck erfüllen. Ganz allgemein gesagt: Wer seine Zuhörer motiviert, animiert, informiert und/oder unterhält, hat sein Ziel erreicht. Lesen Sie im ersten Teil meiner kleinen Ratgeberreihe, wie man in der Einleitung einer Rede einigen Stolpersteinen ausweicht.
„Guten Tag, meine Damen und Herren. Mein Name ist Walter Maier, und ich freue mich besonders, heute vor Ihnen sprechen zu dürfen. Die geplante Zeit reicht leider nicht aus, um Ihnen alle Informationen mit auf den Weg zu geben …“ Wer so anfängt, setzt sich gleich selbst auf die Anklagebank und den Zuhörer in Bewegung. Und zwar nach Hause. Denn warum sollte der sich die Zeit nehmen, wenn sie ohnehin nicht reichen wird. Bedenken Sie bitte auch, dass negative Formulierungen wie „kein Mensch will etwas zu diesem Thema hören, obwohl es doch so wichtig ist“ die Stimmung in einem an sich für das Thema aufgeschlossenen Publikum (sonst wären es ja nicht gekommen) zerstören kann. Was lernen wir daraus? Erstens, dass Reden weder negativ noch mit Selbstverurteilungen beginnen sollten. Und zweitens, dass man bei der Vorbereitung genügend Zeit für das Intro investieren sollte. Denn es bedeutet schon die halbe Miete.
Vorsicht mit Klischees
Eine Entschuldigung oder negative Formulierung ist aber nicht der einzige klassische Stolperstein zu Beginn einer Rede. Bedauerlicherweise gibt es da mehrere. Zum Beispiel die leidigen Klischees. „Willkommen auf der Insel der Seligen“ als Intro für einen Vortrag vor ausländischen Geschäftspartnern in Österreich mag beim einen oder anderen Zuhörer ein Schmunzeln auslösen. Noch mehr Menschen im Auditorium könnte dieser Beginn zu folgendem Gedanken verleiten: Achtung, hier steht ein Sprücheklopfer und kein Redner. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Klischees und Sprüche immer nur vor dem passenden kulturellen Hintergrund funktionieren. Fehlt dieser Background, stoßen Sie mit Sprüchen dieser Art auf völliges Unverständnis oder gar befremdete Ablehnung. Nächster Stolperstein zu Beginn einer Rede: die Vorwegnahme des Endes beziehungsweise der eigenen Meinung zum Thema.
Persönliche Sichtweise erst am Schluss
Die Einleitung hat ja zwei Aufgaben: erstens eine Brücke zwischen dem Redner und dem Zuhörer zu bauen. So etwa mit einer humorvollen Anekdote. Zweitens geht es darum, den Inhalt der Rede kurz auf eine Weise anzudeuten, die Spannung erzeugt. Das kann zum Beispiel mit der Gegenüberstellung von zwei sich widersprechenden Meinungen funktionieren. Mit der persönlichen Sicht der Dinge sollte man sich zu diesem Zeitpunkt hingegen besser zurückhalten. Denn warum sollte der Zuhörer bis ans Ende Ihrer Rede warten, wenn er Ihre Conclusio ohnehin schon am Anfang erfährt? Als problematisch erweist sich auch, den Zuhörer gleich zu Beginn mit Informationen zuzuschütten. Sprich „Information Overload.“
Schritt für Schritt ins Thema rein
Wer bereits im Intro den inhaltlichen Bogen möglichst weit spannt, hat ihn in der Regel überspannt. Was ich damit meine? – Nun, einfach bitte nicht so beginnen: „Im Angesicht der Probleme bei der finanziellen Ausgestaltung unseres staatlichen Sozialsystems empfehle ich Ihnen einen Blick auf private Alternativprodukte wie sie heute zahlreichen börsennotierenden Anbieter im Produktportfolio haben. Produkte mit denen Sie zudem steuerliche Vorteile lukrieren können, weil der Staat in den kommenden Jahren die private Vorsorge als dritte Säule der Finanzierung des Sozialsystems aufbauen will.“ Mein Tipp: Arbeiten Sie die darin angesprochenen Themen schrittweise ab. Am besten mit kurzen Sätzen und einer klar strukturieren Gedankenabfolge.
Bitte keine Komplimente fischen
Als Redner stehen Sie immer räumlich distanziert vor einem mehr oder weniger großen Auditorium. Ein Gefühl des Ausgeliefertseins ist in so einer Situation keine Seltenheit. Das macht nichts, solange Sie sich nicht hinreißen lassen nach Komplimenten zu fischen. So nach dem Motto: „Ich freue mich, dass gar so viele Menschen an dem interessiert sind, was ich hier zu sagen habe. Damit beweisen Sie Weitsicht und ich werde mich anstrengen, ihre Erwartungen in der nächsten halben Stunde zu erfüllen.“ Damit kommunizieren Sie nämlich Folgendes: Ich hatte schon Angst, dass zu wenig Leute zu meinem Vortrag kommen. Und ich hoffe, dass Sie alle auch gut bis zum Ende aufpassen, obwohl das Thema ganz schön schwierig ist. Besser ist, Sie zeigen sich einfach nur überrascht über das große Interesse und stellen in Aussicht, Fragen zum Thema während des Vortrages jederzeit und gerne zu beantworten.
In einem der nächsten Blogbeiträge werde ich mich den Stolpersteinen im Hauptteil einer Rede widmen. Wenn Sie bis dahin Fragen haben, bitte einfach melden.


